Der gesunde Menschenverstand.

Humoreske aus dem Manöver von Teo von Torn
in: „Pilsener Tagblatt” vom 09.02.1902,
in: „Budweiser Kreisblatt” vom 27.07.1902


„Pilsener Tagblatt” vom 09.02.1902

Das Bivouak war abgebrochen. Das Feld, auf welchem das dritte Bataillon unter Gottes freiem Himmel kampiert hatte, sah aus, als wenn gestern Schützenfest gewesen wäre.

Aber zum Aufräumen war heute keine Zeit. Der Morgen hatte sich kaum vor den schnarchenden Marssöhnen gegraut, als auch schon die Reveille in die mehr oder weniger süßen Träume hineingeschmettert war und daran erinnert hatte, daß das Soldatenleben zwar sehr schön, aber leider nur zu einem gewissen Bruchteile dem Schlummer gewidmet ist. Besonders im Manöver.

Ich weiß nicht, ob ich bei dem geschätzten Leser als bekannt voraussetzen darf, daß das Erwachen sehr verschieden ist. An sich ja nicht. An sich bedeutet das Erwachen immer nur den Uebergang vom unbewußten zum bewußten Leben. Dieser Uebergang aber ist in seinen äußeren Formen und inneren Stimmungen doch recht unterschiedlich. Hat man das große Los der königlich preußischen Classenlotterie mit dem üblichen kleinen Abzuge bar in Tausendmark-Scheinen und Gold auf den Tisch des Hauses gezählt bekommen und will eben mit ein paar braunen Hosen ein bischen ausgehen, um die Welt zu fragen, was sie kostet — so ist es unangenehm, zu der Erkenntnis zu erwachen, daß man erstens überhaupt nicht Lotterie spielt und zweitens nichts gewonnen hat. Spiegelt einem der Traumgott andererseits vor, daß man in einen Brunnen gefallen und in der nächsten Secunde eines elendigen Wassertodes verblichen ist — und erwacht man dann nur unter dem Bette, so hat das wieder seine Annehmlichkeiten. Des weiteren ist es doch ein Unterschied, ob einen das Glockenstimmchen einer hübschen Cousine vom maisonnigen Garten her mit hellem jodelnden Morgengruß weckt, oder ob einem die Melodie des militärischen Weckrufes: „Hast du noch nicht genug geschlaaaaaa—fen?” in die Ohren dröhnt und der Bursche zum Ueberfluß mit der Meldung kommt: „Herr Leitnant, uffstehen! Es blus eben —”

Die wesentlichsten Unterschiede des Erwachens liegen jedoch nicht in der Vergangenheit des Traums, auch nicht in der Form des Gewecktwerdens, sondern in der Zukunft des neuen Tages. Hat man an diesem Tage etwas Angenehmes vor oder zu erwarten, dann steht man leicht und freudig auf, erwarten einem dagegen unangenehme, verwickelte oder entscheidungsschwere Dinge, so weiß man nicht, ob man zuerst mit dem rechten oder mit dem linken Fuß seinem Schicksal entgegengehen soll, und die mollige Indifferenz des Schlummers erscheint einem doppelt süß.

Die Herren Officiere und an deren Spitze der Herr Major des dritten Bataillons hatten diese letztere, unerquickliche Phase des Erwachens durchlebt — mit Abstufungen natürlich: Der Herr Major, im Vollgefühl seiner Verantwortung und seiner Stellung an der zugigen Ecke, am intensivsten, die Herren Hauptleute schon etwas weniger, und die Herren Lieutenants nur insoweit, als sie schon einem reiferen Jahrgange angehörten oder sich die natürliche Harmlosigkeit des Gemüthes durch allzu reichlich genossenen Manöversect leichtfertig verdorben hatten.

Aber auch die muntersten Dachse blieben nicht ganz unberührt von den Schatten des kommenden Tages — eines Tages, der neue Thaten bringen sollte, nach der Generalidee sogar Groß- und Ruhmesthaten, sofern das königliche dritte Bataillon sich den voraus­sicht­lichen bedeutenden Aufgaben gewachsen zeigen würde.

Das war das Unangenehme, Verwickelte und Entschei­dungs­schwere. Nicht etwa, daß das Bataillon irgendwie sich unzulänglich fühlte — beileibe nicht. Major von Pratten fühlte sich durchaus berufen, die durch den Tod Moltkes entstandene Lücke unter den strategischen Kapacitäten auszufüllen und das Vaterland zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit nach allen Regeln der höheren Kriegskunst zu retten. Andererseits aber wußte Herr von Pratten auch, daß es beim Militär immer anders kommt, wie man denkt.

Er war eben im Begriffe, seine Häuptlinge und deren Lieutenants zu versammeln, um ihnen einen Vortrag speciell über dieses Thema zu halten, als ihm eine Meldung erstattet wurde. Erschrocken ließ er die Flüssigkeit, welche sein Bursch hartnäckig als Kaffee ausgegeben, in das Gras rinnen und spähte aus.

Richtig — was glänzt dort und gleißet im Morgenschein!? Das kann nur Excellenz mit dem Stabe sein — —

Und wäre der Herr Major auch nur eine Secunde im Unklaren gewesen, daß der Herr Divisions­commandeur es war, welcher dort drüben den Hügel häuslich bezog, so hätte ihn der Officiersruf überzeugt, den ein Stabs­hornist eben in den aufblauenden Morgen schmetterte.

„Verflucht und zugenäht — dalli, dalli, meine Herren, los für die Fahne zu Excellenz!” donnerte der Major seinen berittenen Herren zu. Dann schwang er sich selbst auf sein Schlachtroß, gab seinem Adjutanten noch ein paar orientierende Befehle und pretschte davon. Leider gieng das nicht ganz nach Wunsch. Ob die ältliche Rosinante in dem luftigen Nachtquartier sich die Beine verkühlt oder die Bedeutung des Moments noch nicht recht begriffen hatte — der Bataillons­commandeur keuchte als letzter den Hügel hinan, was Seine Excellenz zu der freundlichen Bemerkung veranlaßte, daß das Reiten eine recht schwere Kunst sei. Mancher erlernte sie nie — und dann auch noch unvollkommen.

Der Tag fängt gut an, dachte der Major. Wenn das bis zum Abend so weiter geht, kann ich mir morgen einen weichen Filzhut kaufen.

Excellenz kümmerte sich natürlich nicht im geringsten darum, was der Major dachte, sondern erhob sich in den Bügeln und richtete an die im Halbkreis um ihn gruppierten Menschen und Pferdeköpfe folgende Ansprache:

„Meine Herren! Die Strategie ist die Anwendung des gesunden Menschen­verstandes auf die Kriegskunst (Pause — während welcher Seine Excellenz mit scharfen Augen die Wirkung dieses gewichtigen Ausspruches controllierte; glücklicherweise ließ keiner der Herren auch nur mit einem Wimperzucken seine Ansicht über diesen alten Gemeinplatz merken; einige Schuster brachten es sogar zu einem begeisterten Gesichts­ausdruck.) Meine Herren! Die Generalidee gibt Ihnen Raum, diese Maxime zu bethätigen. Ich sage Ihnen also nichts, meine Herren! Garnichts. Ich sage Ihnen nur, daß eine Ihrer Patrouillen von einem Bauern auf der Landstraße die Mittheilung erhalten hat, daß das sieben Kilometer entfernte, strategisch wichtige Dorf Bergheim in Gefahr ist, vom Feinde besetzt zu werden. Was Sie nun thun, ist Ihre Sache, Herr Major, und die Sache Ihrer Herren Hauptleute, denen ich in diesem Falle — es handelt sich nur um eine Uebung — eine Art stabsmäßiger Mitberathung einzuräumen bitte. Ich danke Ihnen, meine Herren — und halten Sie daran fest: Die Strategie ist die Anwendung des gesunden Menschen­verstandes auf die Kriegskunst!”

Damit hob der General den rechten Zeigefinger bis zur halben Höhe seiner Nase, als wenn er eine lästige Fliege verscheuchen wollte, und das war das Zeichen, daß der Herr Major und sein „Stab” bis auf weiteres in Gnaden entlassen war.

Zweiundvierzig Jahre sind im Grunde das beste Mannesalter — der Herr Major war erst so alt, und doch fühlte er sich wie der bekannte alte Mann auf dem Dache. Etwas derart Mystisches hatten ihm seine unruhigsten Biwouacträume nicht vorgespiegelt. Er hatte durch einen Bauern, und dieser Bauer war Excellenz, von einer Patrouille, und die Patrouille war Excellenz, erfahren, daß das sieben Kilometer entfernte, strategisch wichtige Dorf Bergheim in Gefahr sei, vom Feinde besetzt zu werden — — —

„Donnerwetter nochmal!” sagte der Major nach einer Viertelstunde angestrengtesten Nachdenkens, und die Hauptleute widerholten das in bestimmten, nach ihrer Anciennität geordneten Zwischenräumen. Schließlich aber behielt der Herr Major recht mit seiner Ansicht:

„Das Beste, meine Herren, und zunächst Erforderliche dürfte sein, daß wir erst mal hingehen, nicht wahr? Schön. Also auf nach Bergheim!”

Das Bataillon war in dem strategisch wichtigen Dorfe noch nicht ganz eingerückt, als Excellenz und sein Stab am entgegen­gesetzten Ende der Straße auftauchten, gegenüber dem Gasthofe Posto faßten und mit einem ganz eigenthümlichen Gesichte die Meldung des Majors erwarteten. Letzterer erwog zwar im Geiste, ob Hindostan oder sonst ein entferntes Gebiet augenblicklich nicht ein freundlicherer Aufenthalt wäre, als Bergheim — aber da half eben nichts, er mußte sich melden.

Und er meldete sich. Auf die Bitte Seiner Excellenz meldeten sich auch die vier Hauptleute. Und nachdem alle sich gemeldet hatten, meldete sich Excellenz mit folgendem Ansuchen:

„Wollen Sie mir nun, Herr Major, ganz kurz andeuten, wie Sie nach dem gesunden Menschen­verstande Ihren strategischen Plan angelegt haben?”

Der Major wünschte jetzt wieder im Geiste, daß sein Schlachtroß ein trojanisches Pferd sein möchte, mit einem Bauch gerade umfassend genug, um ihn vor dem Inquisitorblicke und der Frage seines Generals zu verbergen — aber da half eben nichts, er mußte seinen Plan angeben.

„Zu Befehl, Euere Excellenz. Ich war der Ansicht, daß es geboten sei, den Ort in Eilmärschen so schnell als möglich zu erreichen, um dem Feinde zuvorzukommen.”

„Hm — —! Und Sie, Herr Hauptmann von der Ersten?”

„Zu Befehl, Eure Excellenz. Ich würde den Ort nur mit einem, meinen Kräften ange­messenen Detachement besetzt haben, im übrigen aber die Stärke des Feindes festgestellt und ihn eventuell noch auf dem Marsche angegriffen haben.”

„Hm — —! Herr Hauptmann von der Zweiten?”

„Zu Befehl, Eure Excellenz. Ich würde die von dem aller Stille besetzt und dem Feinde einen Hinterhalt gelegt haben.”

Da es dem Hauptmann von der Dritten vorkam, als wenn das „Hm —” des Herrn Generals bei dieser Antwort des Candidaten Jobses weniger ablehnend geklungen hätte, schloß er sich mit großem Nachdruck dem Herrn Vorredner an. Das konnte aber der Häuptling von der Vierten nicht. Das hätte theils zu bequem, theils auch zu unselbständig ausgesehen, und so antwortete er denn mit der Gottesfurcht, die ihn auszeichnete:

„Zu Befehl, Eure Excellenz. Ich würde den Ort in Bauern durch die Patrouille erlangte Meldung dem höher Commandie­renden weiter­gegeben haben.”

Dabei machte der Hauptmann allerdings ein Gesicht, als wenn er im nächsten Moment von seiner Excellenz eigenhändigst eins auf die Mütze bekommen müßte. Aber nichts dergleichen. Im Gegentheil. Die sarkastisch verkniffenen Züge des Gestrengen hellten sich etwas auf.

„Sehr richtig, Herr Hauptmann; allerdings will ich annehmen, daß auch die anderen Herren dieses Unerläßliche gethan hätten, wenn auch die Herren mir nichts davon verrathen haben. Das alles aber, meine Herren, entspricht nicht dem gesunden Menschenverstande — das heißt, verstehen Sie mich recht: militärisch. Ihr privater Menschenverstand ist nicht Gegenstand meines Urtheils. Keinesfalls, durften Sie, Herr Major, ohne weiteres mit Ihrer Truppe abrücken. Sie hätten zuerst feststellen müssen, ob der Bauer auch richtig gesehen, respective ob er die Wahrheit gesagt. In diesem Falle nämlich hatte der Bauer die Patrouille angelogen. Ich danke Ihnen, meine Herren.”

Als der Major nach Hause ritt, prägte er es sich für alle Zeiten ein: der gesunde Menschenverstand ist unter allen Umständen — der Verstand des Vorgesetzten.

„Budweiser Kreisblatt” vom 27.07.1902

Das Bivouak war abgebrochen. Das Feld, auf welchem das dritte Bataillon unter Gottes freiem Himmel kampiert hatte, sah aus, als wenn gestern das Schützenfest gewesen wäre.

Aber zum Aufräumen war heute keine Zeit. Der Morgen hatte kaum vor den schnarchenden Marssöhnen gegraut, als auch schon die Reveille in die mehr oder weniger süßen Träume hineingeschmettert war und daran erinnert hatte, daß das Soldatenleben zwar sehr schön, aber leider nur zu einem gewissen Bruchteile dem Schlummer gewidmet ist. Besonders im Manöver.

Ich weiß nicht, ob ich bei dem geschätzten Leser als bekannt voraussetzen darf, daß das Erwachen sehr verschieden ist. An sich ja nicht. An sich bedeutet das Erwachen immer nur den Uebergang vom unbewußten zum bewußten Leben. Dieser Uebergang aber ist in seinen äußeren Formen und inneren Stimmungen doch recht unterschiedlich. Hat man das große Los mit dem üblichen kleinen Abzuge bar in Gold auf den Tisch des Hauses gezählt bekommen und will eben mit ein paar braunen Hosen ein wenig ausgehen, um die Welt zu fragen, was sie kostet — so ist es unangenehm, zu der Erkenntnis zu erwachen, daß man erstens überhaupt nicht Lotterie spielt und zweitens nichts gewonnen hat. Spiegelt einem der Traumgott andererseits vor, daß man in einen Brunnen gefallen und in der nächsten Secunde eines elenden Wassertodes verblichen ist — und erwacht man dann nur unter dem Bette, so hat das wieder seine Annehmlichkeiten. Des weiteren ist es doch ein Unterschied, ob einen das Glockenstimmchen einer hübschen Kousine vom maisonnigen Garten her mit hellem jodelndem Morgengruß weckt, oder ob einem die Melodie des militärischen Weckrufes: „Hast du noch nicht genug geschlaaaaaa—fen?” in die Ohren dröhnt und der Bursche zum Ueberfluß mit der Meldung kommt: „Herr Leitnant, uffstehen! Es blus eben —”

Die wesentlichen Unterschiede des Erwachens liegen jedoch nicht in der Vergangenheit des Traums, auch nicht in der Form des Gewecktwerdens, sondern in der Zukunft des neuen Tages. Hat man an diesem Tage etwas Angenehmes vor oder zu erwarten, dann steht man leicht und freudig auf, erwarten einem dagegen unangenehme, verwickelte oder entscheidungsschwere Dinge, so weiß man nicht, ob man zuerst mit dem rechten oder mit dem linken Fuß seinem Schicksal entgegengehen soll, und die mollige Indifferenz des Schlummers erscheint einem doppelt süß.

Die Herren Offiziere und an deren Spitze der Herr Major des dritten Bataillons hatten diese letztere, unerquickliche Phase des Erwachens durchlebt — mit Abstufungen natürlich: Der Herr Major im Vollgefühle seiner Verantwortung und seiner Stellung an der zugigen Ecke am intensivsten, die Herren Hauptleute schon etwas weniger, und die Herren Lieutenants nur insoweit, als sie schon einem reiferen Jahrgange angehörten oder sich die natürliche Harmlosigkeit des Gemütes durch allzu reichlich genossenen Manöversekt leichtfertig verdorben hatten.

Aber auch die muntersten Dachse blieben nicht ganz unberührt von den Schatten des kommenden Tages — eines Tages, der neue Taten bringen sollte, nach der Generalidee sogar Groß- und Ruhmestaten, sofern das königliche dritte Bataillon den voraus­sicht­lichen bedeutenden Aufgaben sich gewachsen zeigen würde.

Das war das Unangenehme, Verwickelte und Entschei­dungs­schwere. Nicht etwa, daß das Bataillon irgendwie sich unzulänglich fühlte — beileibe nicht. Major v. Pratten fühlte sich durchaus berufen, die durch den Tod Moltkes entstandene Lücke unter den strategischen Kapazitäten auszufüllen und das Vaterland zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit nach allen Regeln der höheren Kriegskunst zu retten. Andererseits aber wußte Herr von Pratten auch, daß es beim Militär immer anders kommt, wie man denkt.

Er war eben im Begriffe, seine Häuptlinge und deren Lieutenante zu versammeln, um ihnen einen Vortrag speziell über dieses Thema zu halten, als ihm eine Meldung erstattet wurde. Erschrocken ließ er die Flüssigkeit, welche sein Bursche hartnäckig als Kaffee ausgegeben, in das Gras rinnen und spähte aus.

Richtig — was glänzt dort und gleißet im Morgenschein!? Das kann nur Exzellenz mit dem Stabe sein — —

Und wäre der Herr Major auch nur eine Sekunde im Unklaren gewesen, daß der Herr Divisions-Kommandeur es war, welcher dort drüben den Hügel häuslich bezog, so hätte ihn der Offiziersruf überzeugt, den ein Stabs­hornist eben in den aufblauenden Morgen schmetterte.

„Verflucht und zugenäht — dalli, dalli, meine Herren, los für die Fahne zu Exzellenz!” donnerte der Major seinen berittenen Herren zu. Dann schwang er sich selbst auf sein Schlachtroß, gab seinem Adjutanten noch ein paar orientierende Befehle und pretschte davon.

Leider gieng das nicht nach Wunsch. Ob die ältliche Rosinante in dem luftigen Nachtquartier sich die Beine verkühlt oder die Bedeutung des Moments noch nicht recht begriffen hatte — der Bataillons-Kommandeur keuchte als letzter den Hügel hinan, was Se. Exzellenz zu der freundlichen Bemerkung veranlaßte, daß das Reiten eine recht schwere Kunst sei. Mancher erlerne sie nie — und dann auch noch unvollkommen.

>Der Tag fängt gut an, dachte der Major. Wenn das bis zum Abend so weiter geht, kann ich mir morgen einen weichen Filzhut kaufen.

Exzellenz kümmerte sich natürlich nicht im geringsten darum, was der Major dachte, sondern erhob sich in den Bügeln und richtete an die im Halbkreis um ihn gruppierten Menschen- und Pferdeköpfe folgende Ansprache:

„Meine Herren! Die Strategie ist die Anwendung des gesunden Menschen­verstandes auf die Kriegskunst (Pause — während welcher Se. Exzellenz mit scharfen Augen die Wirkung dieses gewichtigen Ausspruches kontrollierte; glücklicherweise ließ keiner der Herren auch nur mit einem Wimperzucken seine Ansicht über diesen alten Gemeinplatz merken; einige Schmeichler brachten es sogar zu einem begeisterten Gesichts­ausdruck.) — Meine Herren! Die Generalidee gibt Ihnen Raum, diese Maxime zu betätigen. Ich sage Ihnen also nichts, meine Herren! Garnichts. Ich sage Ihnen nur, daß eine Ihrer Patrouillen von einem Bauern auf der Landstraße die Mitteilung erhalten hat, daß das sieben Kilometer entfernte, strategisch wichtige Dorf Bergheim in Gefahr ist, vom Feinde besetzt zu werden. Was Sie nun tun, ist Ihre Sache, Herr Major, und die Sache Ihrer Herren Hauptleute, denen ich in diesem Falle — es handelt sich nur um eine Uebung — eine Art stabsmäßiger Mitberatung einzuräumen bitte. Ich danke Ihnen, meine Herren — und halten Sie daran fest: Die Strategie ist die Anwendung des gesunden Menschen­verstandes auf die Kriegskunst!”

Damit hob der General den rechten Zeigefinger bis zur halben Höhe seiner Nase, als wenn er eine lästige Fliege verscheuchen wollte, und das war das Zeichen, daß der Herr Major und sein „Stab” bis auf weiteres in Gnaden entlassen war.

Zweiundvierzig Jahre sind im Grunde das beste Mannesalter — der Herr Major war erst so alt, und doch fühlte er sich wie der bekannte alte Mann auf dem Dache. Etwas derart Mystisches hatten ihm seine unruhigsten Bivouacträume nicht vorgespiegelt. Er hatte durch einen Bauern, und dieser war Exczellenz, von einer Patrouille, und diese Patrouille war Exzellenz, erfahren, daß das sieben Kilometer entfernte, strategisch wichtige Dorf Bergheim in Gefahr sei, vom Feinde besetzt zu werden — —

„Donnerwetter nochmal!” sagte der Major nach einer Viertelstunde angestrengtesten Nachdenkens, und die Hauptleute wieder­holten das in bestimmten, nach ihrer Anziennität geordneten Zwischenräumen. Schließlich aber behielt der Herr Major recht mit seiner Ansicht:

„Das Beste, meine Herren, und zunächst Erforderliche dürfte sein, daß wir erst 'mal hingehen, nicht wahr? Schön. Also auf nach Bergheim!”

Das Bataillon war in dem strategisch wichtigen Dorfe noch nicht ganz eingerückt, als Exzellenz und sein Stab am entgegen­gesetzten Ende der Straße auftauchten, gegenüber dem Gasthofe Posto faßten und mit einem eigentümlichen Gesichte die Meldung des Majors erwarteten. Letzterer erwog zwar im Geiste, ob Hindostan oder sonst ein entferntes Gebiet augenblicklich nicht ein freundlicherer Aufenthalt wäre, als Bergheim — aber da half eben nichts, er mußte sich melden.

Und er meldete sich. Auf die Bitte Seiner Exzellenz meldeten sich auch die vier Hauptleute. Und nachdem alle sich gemeldet hatten, meldete sich Exzellenz mit folgendem Ansuchen:

„Wollen Sie mir nun, Herr Major, ganz kurz andeuten, wie Sie nach dem gesunden Menschen­verstande Ihren strategischen Plan angelegt haben?”

Der Major wünschte jetzt wieder im Geiste, daß sein Schlachtroß ein trojanisches Pferd sein möchte, mit einem Bauch gerade umfassend genug, um ihn vor dem Inquisitorblicke und der Frage seines Generals zu verbergen — aber da half eben nichts, er mußte seinen Plan angeben.

„Zu Befehl, Eure Exzellenz. Ich war der Ansicht, daß es geboten sei, den Ort in Eilmärschen so schnell als möglich zu erreichen, um dem Feinde zuvorzukommen.”

„Hm — —! Und Sie, Herr Hauptmann von der ersten?”

„Zu Befehl, Eure Exzzellenz. Ich würde den Ort nur mit einem, meinen Kräften ange­messenen Detachement besetzt haben, im übrigen aber die Stärke des Feindes festgestellt und ihn eventuell noch auf dem Marsche angegriffen haben.”

„Hm — —! Herr Hauptmann von der zweiten?”

„Zu Befehl, Eure Exzellenz. Ich würde den Ort in der Stille besetzt und dem Feinde einen Hinterhalt gelegt haben.”

Da es dem Hauptmann von der dritten vorkam, als wenn das „Hm —” des Herrn Generals bei dieser Antwort des Candidaten Jobses weniger ablehnend geklungen hätte, schloß er sich mit großem Nachdruck dem Herrn Vorredner an. Das konnte aber der Häuptling von der vierten nicht. Das hätte teils zu bequem, teils auch zu unselbständig ausgesehen, und so antwortete er denn mit der Gottesfurcht, die ihn auszeichnete:

„Zu Befehl, Eure Exzellenz. Ich würde die durch die Patrouille von einem Bauern erlangte Meldung über den Ort dem höher Kommandie­renden weiter gegeben haben.”

Dabei machte der Hauptmann allerdings ein Gesicht, als wenn er im nächsten Moment von Sr. Excellenz eigenhändigst eins auf die Mütze bekommen müßte. Aber nichts dergleichen. Im Gegentheil. Die sarkastisch verkniffenen Züge des Gestrengen hellten sich etwas auf.

„Sehr richtig, Herr Hauptmann; allerdings will ich annehmen, daß auch die anderen Herren dieses Unerläßliche getan hätten, wenn auch die Herren mir nichts davon verraten haben. Das alles aber, meine Herren, entspricht nicht dem gesunden Menschenverstande — das heißt, verstehen Sie mich recht: militärisch. Ihr privater Menschenverstand ist nicht Gegenstand meines Urteils. Keinesfalls, durften Sie, Herr Major, ohne weiteres mit Ihrer Truppe abrücken. Sie hätten zuerst feststellen müssen, ob der Bauer auch richtig gesehen, resp. ob er die Wahrheit gesagt. In diesem Falle nämlich hatte der Bauer die Patrouille angelogen. Ich danke Ihnen, meine Herren.”

Als der Major nach Hause ritt, prägte er es sich für alle Zeiten ein: der gesunde Menschenverstand ist unter allen Umständen — der Verstand des Vorgesetzten.

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